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Donau-Post, 18. Juli 2007

Ostbayerische Erfindung

Ausgeklügelte Kameratechnik macht aus Standstreifen ohne Gefahr zusätzliche Fahrspuren

Sinzing. (obx) Stoßstange an Stoßstange, Meter um Meter: Millionen deutsche Autofahrer quälen sich jeden Morgen und jeden Abend durch den Berufsverkehr. Es gibt kaum einen, der nicht regelmäßig durch kilometerlange Staus ausgebremst wird. Viele deutsche Autobahnen leiden inzwischen an chronischer Überlastung, besonders während der Rush hour.

Und ein Ausbau ist auf vielen Strecken in den nächsten Jahren nicht in Sicht. Ein mittelständisches Unternehmen, das ansonsten vor allem Fußballstadien und öffentliche Gebäude mit Sicherheitskameras ausstattet, hat für das Verkehrsproblem eine Lösung entwickelt, die den Verkehr beinahe sofort auf einem Fahrstreifen mehr rollen lässt: Aus Standspuren werden mit Kameras von TVI Lederer aus Sinzing bei Regensburg zusätzliche Fahrbahnen. Mehrere Bundesländer setzen das Projekt bereits erfolgreich ein. Jetzt hat die Idee den "Europäischen Verkehrsoscar" bekommen. Inzwischen hat auch Österreich Interesse angemeldet.

Die Prognosen für die deutschen Autobahnen sind düster: Bis zum Jahr 2020 soll wird sich das Verkehrsaufkommen nahezu verdoppeln, warnen der ADAC und andere Branchenverbände. Das Geld, das die Bundesregierung für den Ausbau der Autobahnen bis zum Jahr 2010 bereitstellen will, es sind rund 6 Milliarden Euro, reicht nach Expertenmeinungen bei weitem nicht aus, um die deutschen Autobahnen fit für eine Zukunft ohne Stau zu machen.

Ein Oberpfälzer Mittelständler, dessen Kameras viele große deutsche Fußballstadien und Firmenareale überwachen, hatte eine Idee, wie die Autobahnen auch ohne wirklichen Ausbau den Autos, Bussen und Lkws mehr Platz machen - indem man die Standstreifen in neue Fahrspuren verwandelt. Die größte Herausforderung für Karlheinz Lederer, den Gründer und Chef- Ingenieur von TVI Lederer: Die Standspuren müssen so gut überwacht werden, dass stehende Fahrzeuge, Menschen oder Gegenstände auf der Fahrbahn sofort erkannt werden. Nur so können nachfolgende Fahrer gewarnt werden, dass der zusätzliche Fahrstreifen bald zu Ende ist.

Die Lösung ist ein ausgeklügeltes, elektronisch vernetztes System aus vielen hundert Kameras, die jeden Zentimeter der umgewandelten Standstreifen ausleuchten. Melden die "elektronischen Augen" ein Pannenfahrzeug, schicken rote Leuchtpfeile auf zusätzlichen Verkehrszeichen über den Standspuren die Fahrzeuge sofort von der Spur. Damit die Kameras auch bei schlechtem Wetter, Frost und neugierigen Insekten besten Durchblick haben, besitzen sie eigene Scheibenwischer und Waschanlagen.

Das System funktioniert: Auf mehr als hundert Kilometern rund um München, in Hessen, Niedersachsen, Baden- Württemberg und Schleswig- Holstein werden Standstreifen inzwischen per Knopfdruck zur dritten, vierten oder fünften Spur. Die abschnittsweise Freigabe des Autobahn- Seitenstreifens zu Spitzenzeiten hilft, vorhandene Kapazitäten optimal zu nutzen, fand auch die Jury des von der EU- Kommission geförderten Verkehrsprojekts Centrico. Die Juroren kürten das Kamera- und Überwachungssystem zur Freigabe von Seitenstreifen jetzt zum "besten Projekt im europäischen Verkehrsmanagement". Auch die Praktiker bewerten die Initiative positiv: "Sowohl die Zahl der Staus als auch die der Unfälle sei zurückgegangen", sagt beispielsweise der Leiter der hessischen Verkehrszentrale, Jürg Sparmann. In Hessen sollen zunächst insgesamt 60 Kilometer Standstreifen mit dem neuen System ausgestattet werden.

Mit seiner Lösung ist der ostbayerische Hersteller "Argovision" deutschlandweit konkurrenzlos - alle bisher in Deutschland installierten Systeme zur Seitenstreifenfreigabe wurden mit diesen Videosystemen gebaut. Auch das transitgeplagte Österreich will mit dieser Methode auf Dauer wieder mehr Tempo in den Verkehr auf der Autobahn bringen.

 

 

 
aktualisiert am 18.05.2012