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Hamburger Abendblatt, 31. März 2006

Videokameras überwachen Reeperbahn

Kriminalität: Polizisten haben den Kiez jetzt rund um die Uhr im Blick

Bilder werden vier Wochen lang gespeichert, damit Straftaten künftig rekonstruiert werden können. Dann werden die Daten gelöscht.

Sie sollen Gewalttaten an der Reeperbahn verhindern und Fälle anhand von Bildern aufklären helfen: Zehn Kameras der Polizei überwachen ab sofort Hamburgs bekannteste Meile. Im Mai werden zwei weitere Kameras dazugeschaltet. Um 12.30 Uhr legte Innensenator Udo Nagel (parteilos) am Donnerstag im Polizeipräsidium in Alsterdorf symbolisch den Schalter für die umstrittene Videoüberwachung zwischen Millerntorplatz und Nobistor um. Normal 0 21 false false false DE X-NONE X-NONE MicrosoftInternetExplorer4 In der Einsatzzentrale Im Präsidium steht jetzt eine Monitorwand, auf der simultan die Bilder übertragen werden, etwa von den Ecken zum Hans-Albers-Platz und zur Großen Freiheit. Zwei Kameras auf dem Spielbudenplatz sollen in Betrieb genommen werden, wenn die Baumaßnahmen dort beendet sind. Rund um die Uhr wird jeweils ein Beamter aus der Einsatzzentrale die Monitorwand beobachten. Zwölf kleinere Bildschirme sind um einen größeren in der Mitte angeordnet. In diesen kann der Beamte jeweils schalten und heranzoomen, wenn ihm eine Situation verdächtig erscheint.

Die Bilder können dann sofort in die Davidwache an der Reeperbahn geschaltet werden, damit die Entwicklung der Situation von Beamten vor Ort weiter beobachtet und ein entsprechender Polizeieinsatz koordiniert werden kann. Gleichzeitig können aber auch Beamte aus der Einsatzzentrale Kräfte an die Reeperbahn schicken, etwa von der Bereitschaftspolizei. Die Bilder werden vier Wochen gespeichert, damit Fälle im nachhinein aufgeklärt werden können. Danach werden sie automatisch gelöscht.

Die Kameras, deren Installation insgesamt rund 620 000 Euro gekostet hat, können in jede Richtung geneigt und geschwenkt werden. Überall an der Reeperbahn stehen jetzt Schilder, daß dort von der Polizei per Video überwacht wird. Gewisse Bereiche sind für den Videoeinsatz gesperrt. Sobald eine Kamera in einen sogenannten privaten Bereich schwenkt, schaltet sich der Monitor schwarz und die Datenspeicherung stoppt. Zu diesen Bereichen gehören laut Innenbehörde Wohnungen, also alle Bereiche der Häuser ab der ersten Etage. Nur bei Situationen wie Geiselnahme, Selbstmord-Androhungen oder Feuer dürfe eine Ausnahme gemacht werden. „Die Polizei wird die Technik verantwortungsbewußt einsetzen“, sagte Senator Nagel. Sie diene der Sicherheit der Bürger.

Die GAL kritisierte die Videoüberwachung: „Es darf keine Polizei-Peepshow an der Reeperbahn geben“, sagte Antje Möller, innenpolitische Sprecherin. Datenschützer beklagen, daß das Material nicht nach wenigen Tagen vernichtet, sondern einen Monat aufbewahrt wird.

Peiniger dieses Gewaltopfers per Video überführt

An die Momente vor den Schlägen kann René Callsen sich nicht erinnern. Am 16. März, morgens um 6 Uhr, war der 23jährige Barkeeper aus Altona am Nobistor auf dem Kiez niedergeschlagen und lebensgefährlich verletzt worden. Am Mittwoch wurde der Täter gefaßt: Es ist ein 18-jähriger. Ein Polizeibeamter von der Davidwache, der auf dem Heimweg gewesen war, hatte ihn erkannt. Der Jugendliche war von Überwachungskameras am Bahnhof Reeperbahn und in einer Disco gefilmt worden. Das Opfer erwachte erst Tage nach der Tat aus dem Koma. Es hatte einen Schädelbruch und Gehirnblutungen erlitten, außerdem waren zahlreiche Gesichtsknochen zertrümmert. „Daß es auf dem Kiez jetzt auch auf der Straße Videoaufzeichnungen gibt, finde ich absolut richtig“, sagt René Callsen, der schwer unter den Folgen der Tat leidet. „So können Straftäter noch schneller gefaßt werden.“ In der Diskothek „Location“ hatte Callsen in jener Nacht gefeiert. Gemeinsam mit einem Freund war er zur Bahn gegangen. Der Freund sagte später bei der Polizei, René sei mit einer Bierflasche niedergestreckt worden. Der Täter habe dann mit den Füßen gegen den Kopf des Opfers getreten. Die Beamten sicherten das Videomaterial, fahndeten intern nach dem jungen Gewalttäter. Ohne die Aufzeichnungen hätte der 18-jährige Verdächtige vermutlich nicht gefaßt werden können. Nun sitzt er in Untersuchungshaft. Bei seiner Festnahme hatte er eine Gaspistole bei sich.

René Callsen wird vermutlich mehr als ein Jahr arbeitsunfähig bleiben. Er hatte gerade mit einem neuen Job angefangen, jetzt wird er zum Arbeitsamt gehen müssen. Er darf vorerst nicht allein die Wohnung verlassen, darf nicht lange fernsehen, kann keine laute Musik hören. Er hat ständig Kopfschmerzen. n der Neustadt ist einfach schon zu viel passiert.“

 
aktualisiert am 08.02.2012