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Wirtschaft 10plus, Juni 2005

Aus den Augen der Überwachungskameras

Das Sinzinger Unternehmen TVI Lederer entwickelt und produziert unter dem Namen ARGOVISION dynamische Sicherheitssysteme für Stadien, Autobahnen und sonstige weitläufige Areale

Wie verhält sich ein Mensch, wenn er beobachtet oder wenn ihn ein Signal, beispielsweise ein Geräusch irritiert? „Er dreht blitzschnell den Kopf in die Richtung des Signals, geht näher an das Ereignis heran oder beobachtet je nach Situation aus der Entfernung“, lautet die Antwort von Karlheinz Lederer.

Dieser Sachverhalt brachte den findigen Geschäftsmann und heutigen Inhaber der TVI Lederer GmbH & Co. KG schon Mitte der 80er Jahre auf eine Idee, die aus seinem späteren Unternehmen mehr als ein Ingenieurbüro für Nachrichtentechnik entstehen ließ: Sicherheitsfernsehsysteme zur Ereignisverfolgung in jeder Situation waren das Ziel.

Das Faible zur Eigenentwicklung verwirklicht

Dynamische Kamerasysteme bzw. videobasierte Sicherheitssysteme in Abgleich zum menschlichen System Kopf zu entwickeln stellte zwar die elementare Idee dar, die das Unternehmen aus Sinzing bei Regensburg zu dem machte, was es heute ist, doch bevor die regionalen Grenzen mit dem Komplettsystem ARGOVISION gesprengt wurden, widmete Karlheinz Lederer als gelernter Radio- und Fernsehtechniker sich zunächst als Händler der breiten Palette an Nachrichtentechnik – „mit einem gewissen Anteil an Eigenentwicklung“, ergänzt er.

In den Jahren nach der Firmengründung 1978 in Regensburg brach das „Faible, etwas selbst gestalten zu wollen“, so der Geschäftsführer, jedoch immer stärker auf: Das ursprüngliche Einmann-Konstrukt, das sich anfangs unter anderem der Errichtung von Einbruchsystemen widmete, versuchte sich bald schon an selbst hergestellten Umschaltsystemen, „die jedoch das Prototypenstadium kaum verlassen haben“, ergänzt Lederer im Rückblick. Auch der Bereich Videotechnik wurde ehemals sowohl in punkto Sicherheitstechnik als auch bezüglich Medienanwendungen ausgeschöpft.

Im Laufe der Jahre kristallisierte sich aber der deutliche Schwerpunkt hin zu Sicherheitsanwendungen heraus. Aus dem Bereich Medientechnik, der heute auch für halbprofessionelle Anwendungen wie Videoschnittsysteme fast allgegenwärtig ist, hat Lederer sich rechtzeitig zurückgezogen. „Dafür haben wir weit mehr in Richtung Eigenproduktionen für Sicherheitstechnik gearbeitet und letztlich konnte ich diese Schiene durch gute Deckungsbeiträge ganz abnabeln, um mich des Themas hauptsächlich anzunehmen“, gibt der Firmenchef Auskunft.

Der menschliche Blick im Kamerasystem

Um die Idee, den menschlichen, raschen Rundum-Blick auf Sicherheitsfernsehsysteme zu übertragen, haben sich schon Ende der 80er Jahre im Sinzinger Neubau praktische Lösungsansätze formiert, die unter den System- bzw. Markennamen ARGOVISION gestellt wurden. Darunter finden sich bis heute Komponenten wie die Kamerastation  PLATON, die nach Meldung über Detektoren unmittelbar auf ein Ereignis schwenkt, aber auch der Mehrfunktionshebel ARGOSTICK, der in verschiedenen Geschwindigkeiten alle Kamerafunktionen wie zoomen oder neigen mit einer Hand ausführen lässt, nicht zuletzt ergänzt durch Scheibenwischer, Lageplansoftware oder spezielle Scheinwerfer.

„Die Schwenk-Neige-Einheit“, so Karlheinz Lederer, „haben wir mit dem Scheinwerfer nicht einfach um eine Lampe ergänzt, sondern der Scheinwerfer weist ein Beleuchtungsfeld auf, das proportional dem Sichtfeld der Kamera ist. Wenn also stark gezoomt wird, macht auch der Scheinwerfer zu, wodurch eine Überbeleuchtung vermieden wird. Ein absolutes Novum!“

Ein universelles Sicherheitssystem allerdings ist bei TVI Lederer nicht zu finden, denn von der Planung bis zur Montage ist jedes System auf den individuellen Kundennutzen ausgerichtet. Die Entwicklungen werden ohne Umweg über Distributoren direkt an den Kunden gebracht. Die ARGOVISION-Einzelteile sind also als Produkte zu sehen, die als eines von rund 500 Eigenentwicklungen bei TVI Lederer in eine Plattform-Strategie eingebunden sind. Diese Plattformen münden in das jeweilige System vor Ort, das dort schließlich zusammengebaut und nochmals skaliert wird.

Auf diese Weise entstehen die Gesamtsysteme, die zur Überwachung von Stadien, von Industriearealen, zur Stadtüberwachung an öffentlichen Plätzen, in Justizvollzugsanstalten, vor allem aber im Autobahn-Bereich zur Anwendung kommen.

ARGOVISION-Überwachungssysteme sind unter anderem auf der A 99, der A 94 oder am Autobahnring um München sowie an den Zufahrten zum Messegelände in München und zur neuen Allianz Arena im Einsatz. Selbst in Straßentunnels werden die Systeme aus Sinzing den widrigeren Bedingungen gerecht, weshalb TVI Lederer auch den Zuschlag für den Tunnelbau bei Verona erhielt. Wenngleich das Gros der Kunden noch im süddeutschen Raum liegt, geht man also zunehmend auch internationale Wege.

Stabile Systeme funktional aufgewertet

Die zunehmend überregionale Verbreitung bedeutet gleichzeitig aber nicht, dass jeder Auftrag zur Sicherheitsüberwachung auch übernommen wird: „Wenn ein Auftrag nicht zu uns passt, nehmen wir ihn auch nicht an. Wir leben also die Philosophie, dass wir dem System, das den Markennamen ARGOVISION trägt, auch einen funktionalen Charakter verleihen“, erklärt der Firmengründer.

Nicht bedient wird beispielsweise das Feld von Kaufhaus-, Bank- und Tankstellenüberwachungen, denn die Systeme von TVI Lederer sind geprägt vom Überblick über große Areale und weitläufige Flächen. Und wenngleich der Kunde von der Planung bis zu Service und Wartung begleitet wird, so ist es doch das erklärte Ziel, langfristig stabile Komponenten zu erzeugen, die einen langen Lebenszyklus aufweisen.

Äußerlich hat sich an den Komponenten teilweise über Jahre hinweg also nichts geändert, im Inneren aber wurden sie sehr wohl optimiert und funktional aufgewertet. Dies führt zum einen dazu, dass die Schnittstellen in den Komponenten stabil bleiben, zum anderen sind die Entwicklungskosten für das Unternehmen überschaubar, eine Ausweitung der Produktilinie ist nicht erforderlich.

Nur in einem Bereich sollen künftig bei TVI Lederer neue Wege begangenen werden: Den Vertrieb, in dem man derzeit einen „klassischen Marktengpass“ verzeichne, will Karlheinz Lederer breiter anlegen. Aktuell wird mit drei Vertriebsbüros im Bundesgebiet, in Berlin, Münster und Sinzing, sowie weiteren Vertriebsstandorten in Wien und Ungarn als auch einer Produktionsstätte in Tschechien gearbeitet.

Eine Vertriebsoptimierung solle aber, schränkt der Firmengründer zugleich ein, nicht dem Vorteil der Individualität geopfert werden. Anstatt die Produkte über Distributoren zu „verscherbeln“ sei also vielmehr an vertrauensvolle Partnerkonzepte gedacht – „diese Strategieoptimierung“, so Lederer, „ist aktuell in vollem Gange“.

Interview

Herr Lederer, seit Ende der 80er Jahre haben Sie Ihre Produkte unter den Markennamen ARGOVISION gestellt – welche Bedeutung steckt hinter diesem Namen?

Lederer: Der Name ist eine Anlehnung an die griechische Mythologie – von Argus bzw. den Argusaugen. Verbunden wird das Ganze mit Vision, also dem Sehen, was zusammen die Grundidee unserer Überwachungssysteme darstellt.

Wie konnte sich TVI Lederer mit diesen Komponenten bis heute im Wettbewerbsumfeld positionieren?

Lederer: Die Großen der Branche sind natürlich Siemens, für uns Wettbewerber und zugleich großer Kunde, oder auch Bosch. Kleinere Videofirmen beschränken sich eher auf die statischen Anlagen für Tankstellen oder Warenhäuser. Wir haben also dazwischen schon eine gewisse Alleinstellung in der Positionierung erreicht, vor allem auch, weil wir uns radikal darauf konzentrieren, was wir wirklich leisten können. Wir gehen nicht auf Biegen und Brechen etwas an, was letztendlich die Kundenbegeisterung verschleißen könnte. Ohnehin kann man es sich als Firma dieser Größenordnung mit derzeit 46 Mitarbeitern nicht leisten, in allen Bereichen tätig zu sein; man kann sich nur dadurch profilieren, indem man eine bestimmte Nische besetzt.

Heute sind die Systeme, die wir bauen, überaus komplex geworden, haben in dem Gebiet, indem wir tätig sind, entsprechende Anerkennung. Dahinter steckt eine stabile Ertragslage mit der Persöpektive, uns jetzt auch zunehmend international ausbreiten zu können und zu wollen.

Worauf führen Sie in Ihrer internen Strategie diese stabile Ertragslage konkret zurück?

Lederer: Interessant bei uns ist die Methode der Entwicklung: Man kann kurzfristig entwickeln, indem man auf die Schnelle eine Idee verwirklicht. Wenn man allerdings die Funktionalitäten, die damit verbunden sind, zu abstrahieren versucht, so gelangt man zu langfristig stabilen Komponenten-Architekturen. Das heißt, dass die Schnittstellen der einzelnen Teile in den Komponenten langfristig stabil sind. Mit einem überschaubaren Entwicklungsaufwand werden also Teile hergestellt, die einen relativ langen Lebenszyklus haben. Innerhalb dieses Lebenszyklus können die Komponenten durch geringfügige Änderungen optimiert werden, es muss allerdings keine komplette Neuentwicklung gestartet werden.

Dieses Prinzip haben wir gut umgesetzt. Konkret sieht dies so aus, dass unser Kernprodukt, PLATON, in dieser Form bereits seit 1994 existiert. Von außen hat sich daran nichts geändert, nur innen wurden einige Kleinigkeiten umgestaltet und funktional aufgewertet, einige Optionen wie Scheibenwischer oder Scheinwerfer sind hinzu gekommen. Aber das Produkt stellt eine langzeitig stabile Plattform dar, was letztlich dazu führt, dass unsere Entwicklungskosten überschaubar bleiben, denn eine zweite oder dritte Produktlinie aufbauen zu müssen, konnte dadurch verhindert werden.

Zudem führe ich unseren Erfolg darauf zurück, dass wir uns von Aufträgen, die wir mit unseren Plattformen nicht abdecken können auch zurückziehen. Ich denke, dass darin ein großer Unterschied zu den Wettbewerbern besteht, denn die Wettbewerber, die sich auch mit Systemen beschäftigen, differenzieren zunächst nicht. Die haben vielleicht auch keinen eigenen Systemgedanken, sondern sie sehen, dass ein System herzustellen ist und überlegen dann, wie das Ganze zu erfüllen ist. Wenn hingegen ein Auftrag nicht zu uns passt, nehmen wir ihn auch nicht an. Wir leben also die Philosophie, dass wir dem System, das den Markennamen ARGOVISION trägt, auch einen funktionalen Charakter verleihen. Wir betreiben also ein sehr feines Wechselspiel zwischen den Zielsetzungen der Produkte und der letztendlichen Produktion.

Wie will man bei TVI Lederer auch weiterhin erfolgreich auf dem Markt agieren?

Lederer: Ich möchte, dass unseren Kunden bewusst wird, dass wir eine Art Systemskalierung betreiben, eine Hinwendung zu einem Gesamtthema. Die Schwierigkeit, die wir allerdings haben ist, wie beschreiben wir das Gesamte ohne dass wir uns in Details verlieren. Denn in unserem System gibt es diese Bezeichnung der Summe nicht, weil es ein System an sich nicht gibt. Es bestehen nur Einzelteile wie die Schwenk-Neige-Einheit, das Bedienteil oder ein Monitor.

Derzeit kommunizieren wir in Form unserer Broschüre, die sehr technisch ausgerichtet ist, das heißt, der Techniker findet hier alles. Aber der Entscheider interessiert sich nicht für die Details, sondern er will wissen, welchen Nutzen er daraus hat und was das Ganze kostet. Es geht also künftig auch darum, wie man das Gesamtsystem kommunizieren und beschreiben, einen roten Faden erzeugen kann.

Karlheinz Lederer: Steckbrief

Welchen Berufswunsch hegten Sie als Kind?

Das war durch den elterlichen Betrieb eine fernsehtechnische Werkstätte vorheerbestimmt: Technisches Interesse war schon immer vorhanden.

Was können Sie überhaupt nicht leiden?

Etwas aus dem musikalischen Bereich: Tenöre.

Was können Sie hingegen in vollen Zügen genießen?

Wenn wir bei der Musik bleiben: Blues genauso wie Klassik – speziell Beethoven.

Wie würden Sie sich mit drei Adjektiven beschreiben?

Neugierig, ausgeglichen, ungeduldig

Haben Sie eine Art persönliches Lebensmotto?

Ja, es bezieht sich auf Zielorientierung: Je älter man wird, umso bewusster wird einem, dass die Zeit, die man hat, begrenzt ist. Deshalb werde ich weiterhin zielorientiert, jedoch nicht verbissen arbeiten.

Wenn Sie Ihren Gedanken freien Lauf lassen können – mit was beschäftigen Sie sich?

Ich habe mir schon des Öfteren Gedanken darüber gemacht, die Relation Staat-Firmen-Mitarbeiter bzw. Bürger von der volkswirtschaftlichen Seite zu betrachten. So könnte man meines Erachtens zur Analogie einer Kundenbeziehung kommen. Das heißt, die Unternehmen und Bürger sollten als Kunden des Staates betrachtet werden, wenn man so denkt, käme man sicher politisch zu Perspektiven, die ansonsten verborgen bleiben. Es geht also darum, wie der Staat mit den Unternehmern und Bürgern umgeht und was man tun müsste, um diese Kunden zu begeistern.

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aktualisiert am 18.05.2012