Mittelbayerische Zeitung, 16. Dezember 1998
Mit Sinzinger „Augen“ auf visuellen Patrouillengängen
Knäste, Fußballstadien, Polizei und führende Konzerne - der "Club Argovision" gewinnt immer mehr Mitglieder dazu
Von Michael Jaumann
SINZING/MÜNCHEN. Die Messe ist ein Renner – und auf der A 94 hinaus nach München-Riem ist der Teufel los. Die an wichtigen Stellen der Autobahn montierten Platon-Kameras schwenken blitzartig hin und her, erfassen das Stop and go. In der Verkehrseinsatzzentrale an der Münchner Ettstraße schaltet ein Beamter auf die Kreuzung am Ring, dirigiert mit dem Argostick die Kamera in Richtung Prinzregentenstraße, dann in Richtung Einsteinstraße, zoomt kurz auf einen Auffahrunfall und greift zum Mikrofon.
Einsatzkräfte werden in Richtung Unfall beordert, weitere Beamten zu kritischen Stellen geschickt, um in den zähflüssigen Verkehr einzugreifen. Auch die Autobahndirektion und die Autobahnpolizei Hohenbrunn verschaffen sich mit den Kameras ein Bild der Situation zwischen Ostkreuz und München. Allmählich bekommen die Ordnungskräfte so die Situation in den Griff, der Verkehr fließt schneller.
Blitzschnelle Kameras
Daß es rund um die Neue Messe Riem mit ihrer stark wechselnden Verkehrsbelastung in den Spitzenzeiten nicht zum Dauerstau kommt, dafür sorgt ein übergreifendes Überwachungssystem, das so in Deutschland nirgends anders existiert. Das behauptet die Sinzinger Firma Argovision, und die hat die Anlage geliefert. Zum Paket gehören die schwenk-, neig- und zoombaren Kameras, die auf den Namen Platon hören und sich binnen einer Sekunde um 180 Grad drehen können.
Die Daten laufen über Telefonleitung in die Einsatzzentrale, wo die Kameras mit dem sogenannten Argostick gesteuert werden. Mit diesem Multifunktionshebel kann das Bedienpersonal die Kameras mit einer Hand zugleich schwenken und zoomen, neigen und fokussieren.
„Unsere Technik kommt der Wahrnehmung der Menschen am nächsten. Bei uns braucht auch das Hirn nicht umzudenken“, schwärmt Georg Häglsperger, Marketingleiter von Argovision. Die Konzentration bleibe somit für das Geschehen auf dem Bildschirm aufgespart. Vor allem für Fußballstadien, wo riesige Menschenansammlungen im Blick behalten werden müssen, biete dies den Einsatzkräften große Vorteile, erläutert Häglsperger.
Fast ein Dutzend Fußballstadien der Republik ist bereits mit den Überwachungsanlagen der Sinzinger Firma ausgestattet. Dazu gehört das Olympiastadion in München genauso wie das neue Frankenstadion in Nürnberg, das Dreisamstadion in Freiburg oder die Bielefelder Alm. Letzter Neuzugang im „Club Argovision“ ist das Wolfsburger VfL-Stadion.
Neben den blitzschnellen Zoomkameras und ihrem Argostick haben die 25 Mitarbeiter um Firmenchef Karlheinz Lederer noch ein weiteres Plus für Argusaugen ausgetüftelt: Einen Scheibenwischer, der im Umlaufverfahren arbeitet und in der Ruheposition keinen Kontakt zum Glas der Kamera hat. Er beeinträchtigt somit nicht die Sicht und auch Anfrieren und Ankleben des Gummis ist ausgeschlossen. Für die Erfindung holten die Tüftler von Argovision im vergangenen Jahr auch einen Preis auf der Erfindermesse in Nürnberg.
Solche Preise helfen zwar – die Überwachungssysteme verkaufen sich dennoch nicht von alleine. Argovision, das den Vertrieb selbst erledigt, knöpft sich Sektor für Sektor selbst vor. „Wer braucht’s, wer steckt dahinter, wer entscheidet über Sicherheit?“ sind die Fragen, nach denen Argovision mit mittlerweile drei Vertriebsbüros vorgeht. Beharrlich wird das Feld dann beackert. Bis zu fünf Jahre Vorlaufzeit liegen zwischen dem ersten Kontakt und dem Auftrag.
Patentamt und Rodelbahn
In den 20 Jahren des Firmenbestehens hat Lederer dabei schon einiges erreicht. Die Liste seiner Referenzen liest sich wie ein Who`s who der Wirtschaft: Audi, BMW, Siemens, Reemtsma, Obag, Müller Milch, Osram, Hoechst, Procter & Gamble ... Auch in19 Justizvollzugsanstalten zwischen Maastricht und Görlitz verläßt man sich auf Argovision, desgleichen beim Europäischen Patentamt, im Bundesinnenministerium oder auf der Bob- und Rodelbahn in Winterberg.
„Unser System kann nicht nur reaktiv, sondern aktiv arbeiten“, nennt Häglsperger als zentralen Vorzug. In der Reaktion auf ein Ereignis ist das System herkömmlichen Anlagen vergleichbar, nur daß der schnellbeweglichen Kameras wegen insgesamt weniger benötigt werden als bei starr installierten Systemen. Da das System der menschlichen Wahrnehmung so nahe komme, könne das Bedienpersonal mit den wendigen Kameras aber sogar visuelle Streifengänge unternehmen. Damit könne man mit Argovision präventiv arbeiten.
Dennoch sei Argovision nicht konkurrenzlos, sagt Firmenchef Lederer. „Der Kunde kann mit so was leben und mit etwas anderem auch.“ Es gehe darum, den Kunden zu überzeugen. Da hat Argovision noch jede Menge Arbeit. Denn „bezogen auf die Größe unseres Unternehmens ist der Markt endlos“.
Bei den neuen Bundesbehörden mischt Argovision bereits ein wenig mit, und ein größerer Sprung ins Ausland wird ebenfalls angepeilt. Den Standort im kleinen Sinzing vor den Toren Regensburgs sieht Lederer da nicht als Nachteil an, ganz im Gegenteil: „Die Lage außerhalb der Ballungsräume war wohl der Grund, daß wir uns öffnen mußten und daß wir uns so stark entwickelt haben.“
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